Bevor ich sterbe

Intro

 

Wie viele Ohrfeigen hält ein Gesicht aus? Wieviel Speichel benötigt man, um darin zu ertrinken? Wie viele reife Feigen braucht es, um jemanden damit zu erschlagen?

Ich empfinde keine Freude mehr, kein Leid, keine Angst, nur noch Schmerz.

Eine Klinge die sich in mein Fleisch frisst, ein Fausthieb in mein Gesicht, Schläge die mein Blut zum Wallen bringen, diese Dinge zeigen mir dass es noch nicht zu spät ist, dass mein Schicksal mich noch nicht begraben hat, und der Geschmack des Blutes auf meiner Zunge lässt mich voller Überzeugung sagen „Ja, ich lebe noch!“

Wenn der Mensch von seiner gesamten Umgebung hintergangen und enttäuscht wurde, sucht er instinktiv nach einem letzten Hort des Vertrauens, der Zuneigung. Diesen Hort stellte ein Mann für mich dar, und als er dann tatsächlich auftauchte, war ich mir sicher dass alles wieder gut werden würde.

Nichts ist gut.

 

Schon seit Stunden saß Shae nun schon auf dem Balkon am Bauernhof, fast bewegungslos, gestreichelt von der würzigen Meeresbrise, beruhigt vom Rauschen des direkt angrenzenden Walds, berührt vom Zwitschern der Vögel, die ihr Schlaflied sangen.

Ihr Beisein in Guldenach war lange vorbei, ihre Anwesenheit in Galatia niemals nötig gewesen. Niemand war schwer genug verletzt worden in den wenigen Jahren die sie dort verbracht hatte um ihrer überaus spezifischen Hilfe zu bedürfen, und auch sonst war sie wohl zu nichts anderes nötig gewesen als um als Kriegsgeisel herzuhalten. Alles hatte nicht mehr gebracht, als dass sie beinahe alles verloren hatte… ihren Status, ihre Sicherheit, ihre Tochter, ihren Lebenswunsch.

Doch nicht nur dieser Fehler, den einzusehen sie tatsächlich Monate gekostet hatte, sondern auch andere Faktoren hatten sie zurück in das Land fern der Heimat, das Reich der Amhraner, zurück in die Abgeschiedenheit von ihrer Familie getrieben.

Der Druck, den die stets misstrauischen Druiden der Inseln auf sie ausübten, war einfach zu gross geworden, sie konnte und sie wollte sich dem nicht mehr aussetzen. Lieber verließ sie in ihre kleine Welt und begann sich endlich wieder auf ihr eigenes Leben konzentrieren. Nur wenn sie mit ihrer Vergangenheit Frieden schloss, konnte sie sich besinnen, zur Ruhe kommen, ihr Gleichgewicht wiederfinden.

 

Endlich Ruhe… endlich schlafen… schlafen, nur schlafen bis ich nicht mehr kann… Nur eine Frage trennt mich vom Seelenheil, vom Schlaf.

 

Leise seufzte sie, räkelte sich in dem schlichten schwarzen Aufzug – ein lockeres, schulterfreies Leinenhemd, ein schwarzer Faltenrock, und die stets treuen roten Flecken in Form von Mieder und Kopftuch – welcher ihre blanke Haut umschmeichelte, und zum ersten Mal seit langer Zeit konnte sie befreit aufatmen.

Wie lange hatte sie nun schon selbst im Bette ihre Lederrüstung getragen? Es mussten schon dutzende Monate sein.. wenn nicht schon Jahre! Soviele Kämpfe, soviele Nahtoderfahrungen, soviele Momente, die sie für ihre letzten gehalten hatte, und sie alle waren wie ein Wink der Götter gekommen und gegangen, hatten sie hart gemacht, hatten sie misstrauisch gemacht, und verschlagen.

Doch auch mit den offenen Kämpfen war nun erst einmal Schluss. Was sie suchte, was ihr Herz begehrte, das war nicht durch ein Bieten der Stirn zu erreichen, nein. Schach, oder das Sperlingsspiel, jene Beschäftigungen glichen eher den Dingen die sie beabsichtigte.

Und zwischen ihr und ihrem Ziel, da stand eine Frau. Shae schmunzelte.

Es ist Zeit, anzufangen.

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