Totentanz (Slice)

Necropole Endur – Jahr 21 unter der Herrschaft Präzentor Rivâ’s
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Azekiel erschauderte, als ein eisiger Luftzug den Geruch von faulendem Blut nähertrug und wieder hinfortblies. Der Gang in dem sie Wache stand, dehnte sich in Form eines T’s in drei richtungen aus, nach links, nach rechts und nach vorne, und war fast drei Mannslängen hoch. Gotische Bögen säumten die Decke wie ein Spinnennetz, welches von den blakenden Fackeln, die auf Brusthöhe die Wände entlang hingen, kaum berührt wurden. Umso höher man blickte, umso schwärzer wurden die Wände, sei es aufgrund des Rußes, oder weil der Effekt beabsichtigt war, um zu zeigen, dass der Himmel auch nichts mehr als eine schwarze Hölle war.
Das junge Mädchen – sich als Frau zu sehen wäre vermessen gewesen, zählte sie doch kaum 18 Sommer – war seit einigen Wochen dermaßen in der Gunst ihrer Vorgesetzten gestiegen, dass sie diese neue Stelle zugeteilt bekommen hatte. Der Wachpunkt zwischen dem Ratssaal, dem Zuchtbecken und dem geschwungenen Parkeingang, nicht nur ein sehr sensibler, sondern auch ein sehr wichtiger Punkt in der Necropole Endurs. So wurde es seit neuestem gehalten, ein Grund für allgemeine Empörung, denn seit der Orden des Neq’roth die einfache Stadtgarde in die Necropole gelassen hatte, wurde über Erniedrigung der geweihten Stätte und sogar über Blasphemie heftig diskutiert. Bisher war es Gang und Gäbe gewesen, dass die Necropole von den Ordenskriegern selbst behütet und bewacht wurde, und die Garde jenes Heiligtum nur aus zwei Gründen von Innen zu sehen bekam… entweder um getötet zu werden, oder um in den Orden aufgenommen zu werden, eine Ehre die nur drei Gardisten pro Jahr erhielten.
Der Kommandant Endurs hatte fünf seiner Untergebenen auswählen und für die Necropole abstellen müssen, und der Fakt dass Azekiel, die junge Azekiel, sich unter ihnen befand, gab ihr größte Hoffnung darauf, dass sie im kommenden Jahr auserwählt würde, um sich der Prüfung des Ordens zu stellen. Sie! Ordenskriegerin!
Die filigrane Zierbardike in ihrer Hand knirschte ein wenig, und sofort erstarrte Azekiel, linste aus den Augenwinkeln zu ihrer Waffenhand und zog die Bardike in die vorgeschriebene Position zurück, eine Bewegung von knapp 2 Fingerbreit. Erst als die Hellebarde wieder reglos an Ort und Stelle ruhte, wagte sie wieder zu atmen. Niemand hatte es gesehen, ausser dem Lichkönig selbst, und so es IHM gefiel, würde er ihr eine angemessen grausame Strafe angedeihen lassen… Dennoch hatte sie Glück gehabt. Derlei Fahrlässigkeiten wie eine inkorrekte Haltung während der Wachtätigkeit wurden mit zwei Dutzend Rutenhieben bestraft, und die Folterknechte konnten wenn es um die Bestrafung von so geringen Delikten ging, schnell gelangweilt werden und sich die interessantesten Stellen für die Bestrafung einfallen lassen.
Es hatte ihr den Angstschweiss auf den Rücken getrieben, als ihr Kommandant den fünf Auserwählten jene Details eröffnet hatte. Zwei Dutzend Rutenhiebe für Abweichungen im Fingerbreit-Bereich der Haltung! Doch es war ausführlich erklärt worden. Sie hatten die Stadt zu repräsentieren, die braven, folgsamen Bürger, die sich der Necropole unterworfen hatten, den Gehorsam und die Einsatzbereitschaft der eintausendfünfhundert Bürger Endurs, und so sie nicht bereit waren auf Kleinigkeiten zu achten, wie sollten sie dann auf die größeren Befehle zu achten vermögen?
Es war ihr damals sehr einleuchtend erschienen, betrachtete man es auf diese Art, doch als sie nach der ersten Woche weder stehen noch sitzen oder liegen konnte, so zerschlagen war ihr Körper, da wusste sie dass die Worte des Kommandanten nichts als die reine Wahrheit waren. Nach diesen ersten Tagen war es ihr auch nicht mehr schwer gefallen, das Salutieren zu unterdrücken, sobald jemand den Gang betrat, denn dies war ein Vergehen von drei Dutzend Rutenhieben. Die Wachen der Necropole hatten reglos und stumm auszuharren wie stolze Emporen, und nur im Falle einer direkten Bedrohung war es ihnen gestattet, sich zu regen. Alles andere hätte die Konzentration der Kleriker und Necromanten zu sehr gestört, die ihr wichtiges, empfindliches Handwerk hinter den hohen, pechschwarzen Eisentoren ausübten.
Nach diesen Tagen hatte Azekiel auch sehr schnell gelernt, ihre schwarzglänzende Wachrüstung absolut korrekt anzulegen, tat sie dies nämlich nicht, war sie nach 10 Stunden Wachgang von blauen Flecken und Quetschungen überzogen, gar nicht erst zu sprechen von den grausamen Krämpfen. Oh ja, das waren wahrhaft lehrreiche erste Tage gewesen, und erst dann hatte sie begriffen, was der Unterschied zwischen der Garde Endurs und den Kriegern des Neq’rothordens war. Tatsächlich wusste sie nun, dass sie eigentlich noch in der Kinderliga spielte, und vielleicht niemals dazu kommen würde, aufzusteigen…

Die Tore des Ratssaals öffneten sich leise reibend. Es war unmöglich, dermaßen große Flügeltore dazu zu bringen, völlig lautlos aufzuschwingen, dazu war das Gewicht einfach zu gewaltig, aber zumindest konnte man mit genügend Schmieröl jedes Geräusch ausser dieses Reiben von Metall auf Öl dämpfen.
Konzentriert und aufs äusserste gespannt widerstand Azekiel dem Drang zur Seite zu blicken, starrte krampfhaft gerade aus in den Gang, während neben ihr schweigend eine Dreizehnschaft von Necrolythen den Ratssaal verließ, gefolgt von vier Todesrittern in Kettenhemd und Wappenrock. Eine kurze Pause erfolgte, und Azekiel spürte wachsende Unruhe in sich, denn die Tore des Ratssaales durften nur so lange offen stehen, solange jemand hindurchzugehen wünschte, als sie plötzlich leise Stimmen näherkommen hörte. Eine der Stimmen kam ihr grausam bekannt vor, hatte dieser doch sechs ihrer zehn Strafen ausgesprochen: Der Todesfürst Malaner, ein furchterregender Mann von fast zwei Schrittmeter Größe, der so bleich wie ein Leinentuch war und stets jedes einzelne Haar seines Körpers mit einer Pinzette auszurupfen pflegte…
Die andere Stimme jedoch hatte sie noch nie zuvor gehört, und auch wenn sie es nicht wollte, so konnte sie doch unmöglich verhindern, das Gespräch zu belauschen, denn die zwei sich unterhaltenden Männer hielten unmittelbar im Torbogen neben ihr inne, ohne sie weiter zu beachten.

„In den letzten zwei Monden sind die Truppen Ulders fast bis an die Nordklippen vorangerückt, Malaner, also erzählt mir nicht das Höllenbanner würde sie zurückdrängen. Diese Schönmalereien und Lügen mögen für Weiberohren gut genug klingen um die Röcke zu heben, aber nicht für mich! Wenn dieser Blasphemiker noch weiter vorrückt steht er bald – zu bald! – vor den Toren Endurs, und dann, Malaner, dann ist es dein Kopf, der auf dem Spieß steckt, gleich neben dem meinigen!“
„Die Yesphariter können vor Wintereinbruch unmöglich die gesamten Nordklippen überqueren, und wenn sie auch drei Viertel der Strecke schaffen, wird das Eis sie töten. Unsere Truppen stehen bereit, die Skiomanten („Schattenbeschwörer“) haben sich bereits im Westlager eingefunden, und wir sind weitaus besser vorbereitet auf die Kälte als jenes Ketzerpack. Ihr seht also, mein Präzentor, es gibt keinerlei Grund unser Versagen zu vermuten.“
„Versagen, Malaner, bedeutet ewige Qual… den Lichkönig zu enttäuschen indem du mich enttäuschst, wird dir noch zu Lebzeiten schlimmere Pein einbringen, als du es dir jemals erträumen könntest. Und nun geh und sorge dafür, dass die Nachschübe eine Eskorte bekommen!“

Zwei Männer in tiefschwarzen Roben schlichen regelrecht vorbei, sie ebenso wenig beachtend, wie sie wohl diverse Fackeln und Bilder beachtet hätten, und teilten sich am Ende des Ganges, den Azekiel einblicken konnte. Einer ging nach links, der andere nach rechts, und gottseidank blickte niemand in ihre Richtung. Der Mund stand ihr offen.
Der Präzentor war gerade an ihr vorbei gegangen! DER Präzentor! Vermutlich hatte er nicht einmal bemerkt, dass sie eine der Gardisten und keine Ordenskriegerin war, doch seine alleinige Nähe zu ihr war eine Segnung gewesen, die sie für einen Moment selbst die Haltung vergessen ließ.
Es dauerte eine Weile bis die Worte ihr dämmerten, auch wenn sie mit einigen Begriffen nicht allzuviel anfangen konnte. Ulder? Nie gehört. Der Präzentor schien ihn als akute Gefahr zu empfinden, und da dieser Mann noch lebte, konnte es niemand aus Endur sein. Yesphariter? Auch dieses Wort sagte ihr nicht allzuviel. Sie hatte es zwar schon einmal gehört, in einer Aufzählung von Todfeinden, doch mehr hatte sie dazu nicht erfahren, und auch nicht gefragt. Wer auf einer Stufe mit Renegaten und Dienern der Imaeath stand, war den Boden nicht wert auf dem sie stand, soviel war klar.
Dennoch, das Gespräch hatte sich um einen Krieg gedreht, einen Krieg, von dem Endur vermutlich noch nicht einmal etwas wusste. War das der Grund, warum die Necropole inzwischen sogar der Bewachung durch Gardisten zugestimmt hatte? Weil die Ordenskrieger alle im Krieg waren?
Innerlich schüttelte Azekiel für einen Moment den Kopf. Das ging sie nichts an, nicht solange sie nicht in den Orden aufgenommen worden war. Nicht solange sie nicht auserwählt wurde. Bis dahin würde sie die Ehre weiter auskosten, hier in den geweihten Gängen des Herzstück’s von Neq’roth’s Verehrung zu stehen und ihre Pflicht zu tun. Ja.. ihre Pflicht.

Stadt Endur – Winterbeginn Jahr 21 unter der Herrschaft Präzentor Rivâ’s
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Es schneite, zum ersten Mal in diesem Jahr, auch wenn der Frost schon vor knapp drei Wochen eingesetzt hatte. Die Flocken wirkten wie Aschekörner, wie sie in ihren fast abweichungslosen Bahnen vom Himmel rieselten, denn kein einziger Windhauch strich durch die Gassen Endurs. Das Firmament war grau vor Wolken, die Sonne vermochte kaum durch diese Masse hindurch zu dringen, und so war die Welt in mattes, kraftloses Zwielicht gehüllt.
Azekiel schritt mit zielstrebigen, gemässigten Schritten durch die Gerbergasse hin zur Hauptstrasse, die vom Westtor bis hin zur Necropole führte, die sich wie eine Schlange um eine gezackte Felsnase wand. Die Kettenrüstung klirrte leise gegen die Plattenbeine, doch der Laut war gedämpft und rythmisch unter dem dicken, gefütterten Wappenrock, in dessen Zentrum eine Raute den Untergrund für einen dreizehnzackigen Stern in weiß bildete. Müdigkeit zehrte an ihrer Kraft wie ein Vampir, fraß ihre Aufmerksamkeit, ihre Gedanken, ihren Widerstand voller Gier und Ingrimm, doch wusste sie, es ging nicht anders.
Seitdem sie das Gespräch zwischen dem Präzentor und dem Todesritter Malaner belauscht hatte, waren fast zwei Monate vergangen, und in dieser Zeit war der Verfall schleichend vorangeschritten. Wo anfangs nur fünf Gardisten in die Necropole gelassen wurden, waren es nach zwei Wochen zehn geworden, und nach weiteren drei Wochen zwanzig, bis vor einer Woche auch die letzten Ordenskrieger in einer langen, schweigenden Zweierreihe aus dem Stadttor geritten waren, hinaus gen‘ Westen, auf die Nordklippen zu. Einen Tag später war die gesamte Garde aufgeteilt worden, um nicht nur die Stadt zu behüten, sondern auch die Wachgänge in der Necropole zu übernehmen. Achtzehn Stunden Arbeit pro Gardist und Tag, während die einen ausgelaugt aus ihren Lagern krochen, fielen die nächsten todmüde hinein… Und so ging es seit sechs Tagen.
Gerade noch Malaner, seine drei Todesritter, der Präzentor und der Nekrarch waren noch in der Necropole anzutreffen, gemeinsam mit den Ratshöchsten der Necromanten, der Rest der Necropole war still, verlassen, nur von den Wachwechseln der Garde belebt. Azekiel konnte sich gut daran erinnern, wie ihr Kommandant Malaner dazu aufgefordert hatte, doch die verwaisten Teile der Necropole zu versiegeln und somit den Garden unnötige Wachgänge zu ersparen… Er war dafür gestorben. Blasphemie war es, auch nur einen Kieselstein innerhalb der Necropole für unnütz zu erklären, und der neu eingesetzte Kommandant der Garde hatte sich sehr darüber ereifert, dass die Garde mit ausgezeichnetem Beispiel vorangehen müsse, wenn die Ordensheere zurückkehrten.. er schien sich dessen auch sehr sicher. Azekiel hingegen konnte sich gar nicht vorstellen, warum die Ordenskrieger nicht zurückkehren sollten, oder wie der Kommandant überhaupt auf den Gedanken kam, dass die Möglichkeit bestand, die Heere würden wegbleiben. Wegbleiben wo? Warum sollten sie auch nicht zurückkehren, immerhin wohnten sie hier, und sie konnten ja nicht ewig in der Ferne bleiben und Häretiker vernichten.

Die Strassen waren völlig still und leer, als Azekiel sie abschritt. Sonst hatte sie es geliebt, durch die Strassen Endurs zu spazieren und für Recht und Ordnung zu sorgen, doch an diesen Tagen erschien ihr jeder Schritt wie eine Qual, und eine jede neue Abzweigung wie Spott und Hohn. Jeder Knochen schmerzte, die Muskeln waren müde und verkrampft, und immer noch warteten drei weitere Stunden darauf, begangen zu werden. Der Kommandant hatte angeordnet, dass die Wache in der Necropole vorzuziehen war, sodass die Gardisten wenigstens halbwegs bei Kräften ihre Posten dort beziehen konnten, um mit dem gestählten, diensteifrigen Bild die Augen des Präzentors zu erfreuen, doch dieser ließ sich weniger und weniger sehen. Vor zwei Tagen schliesslich hatte er sich mit den Necromanten in der Ritengrube eingeschlossen und war seither nicht mehr herausgekommen. Selbst Malaner wirkte beunruhigt, doch obschon der Schreie, der Knalle, der Lichtblitze und anderer grausiger Geräusche hatte bisher niemand gewagt, nachzusehen was los war. Stattdessen wurden alle angewiesen, weiterzumachen wie bisher. Man wollte schliesslich niemanden durch Abweichungen von der Norm beunruhigen.
Azekiel hatte schliesslich die Mauergasse erreicht, eine ringförmige Strasse die an der Stadtmauer entlangführte und an der keine Läden lagen, um die Zugänge für die Gardisten so frei wie möglich zu halten. die großen Zedern, die den Weg säumten jedoch machten die Gasse zu einem beliebten Punkt für Spazier- und Büßergänge, was die dünnen, fast schwarzen Blutflecken an manchen Stellen deutlich zeigten.
Auf der Mauer waren Schritte zu hören, auch dort patroullierten Gardisten, und einen Moment gönnte Azekiel sich die Freiheit, hinaufzublicken, ohne im Schritt innezuhalten. Wäre sie stehen geblieben, sie wäre vermutlich auf der Stelle zusammengesunken und eingeschlafen, also immer weiter gehen, immer weiter gehen.
Eine seltsame, rotgoldene Patina erhellte den Nachthimmel mühselig über der Mauer, von ihrer Position aus ein dünner, fahler Lichtschein, der versprach bei besserer Sicht mehr zu zeigen. Gedankenverloren starrte Azekiel darauf, und einige Momente überhörte sie völlig das dumpfe Grollen und Brummen, das wie ferner Donner langsam und zäh näherzukommen schien.
Als sie es schliesslich wahrnahm, riefen die Wachen auf der Mauer bereits knappe, klare Rufe über die Dächer der Stadt, Rufe, die Azekiel zwar zu verstehen gelernt, aber noch nie zuvor gehört hatte… „Alarm! Alarm!“
Es dauerte einige unendlich lange Augenblicke, bis Azekiel reagierte wie sie es eigentlich gelernt hatte, doch dann war sie mit einem Moment völlig wach. Auf dem Absatz wendend schaukelte die Umgebung einen Moment bedrohlich, als das Adrenalin zu schnell, zu stark in ihren Körper fuhr, doch dann lief sie mit kraftvollen, mächtigen Sätzen los, wie der Jäger der dem Wild nachsetzt… oder wie das Wild, das den Jäger gewittert hatte. Im Lauf noch überlegte sie, ob sie nun in die Kommandatur laufen sollte, oder direkt in die Necropole. Eigentlich war vorgeschrieben, dass sie sich beim Kommandanten meldete und die restliche Garde alarmierte, doch alle die auf der Strasse waren, hatten den Ruf sowieso gehört, ein weiterer Teil schlief wie tot, und es würde viel zu lange dauern jene zu wecken, und der dritte Teil stand Wache in der Necropole… also dorthin!
Dass sie eine gar nicht so leichte Rüstung trug, wurde ihr erst bewusst als sie mit einer Klinge am Hals in den Flügeltoren des Ratssaales stand, und in Malaners tote, kalte Augen blickte, während sie versuchte endlich wieder Luft zu bekommen.
Erstaunlicherweise bewies Malaner zum ersten Mal eine wahrliche Engelsgeduld, denn er harrte reglos aus, die Waffe tötungsbereit für diesen Frevel an ihren Hals haltend, während er darauf wartete, dass Azekiel wieder Luft bekam und ihm einen guten – GUTEN – Grund lieferte, wieso sie mitten in die Besprechung geplatzt war. Schliesslich fand sie ihre Stimme wieder, auch wenn diese rauh und trocken klang, und brachte mühsam heraus: „Die Garde am Westtor hat Alarm geschlagen.. der Horizont scheint zu brennen, und ein Donnern kommt näher, Ehrerbietender!“
Einige Momente starrte Malaner sie an, als hätte sie ihm gerade erklärt sie hätte sich Imaeath verschrieben, dann rauschte er an ihr vorbei, während die Klinge ansatzweise die Haut ihres Halses ritzte, als er diese gar zu rasch mit sich riss. Die drei Todesritter rauschten ihm hinterher, als wäre das Mädchen erneut zu einem Stück einrichtung geworden, doch dies gönnte ihr wenigstens genug Zeit, wieder zu Atem zu kommen, und dann den Ordenskriegsherren mit etwas Abstand zu folgen, wie ein hungriger Hund dem Fleischerkarren nachschlich.

Dem Vierertrupp schloss sich noch im Weg hinaus aus der Necropole eine Gardistenschaft von acht Mannen an, die Malaner im Vorbeigehen einfach mitwinkte, ohne ein Wort zu verlieren, und erneut erwies es sich als Vorteil, dass die Hauptstrasse direkt zum Westtor verlief, über welchem der Horizont inzwischen in Flammen zu stehen schien, als würde ein gewaltiger Drache langsam aber stetig näherrücken.
An der Mauer angekommen erklomm Malaner die Treppen zum Torhaus mit spielerischer Leichtigkeit, und nur kurz darauf war ein hitziges Wortgefecht zu vernehmen… der Kommandant der Garde war also schon in Kenntnis gesetzt worden, und vor den Todesstreitern angekommen, was Malaner überhaupt nicht zu gefallen schien.

„Aber Eure Exzellenz, ich dachte nicht dass dies Grund wäre euch aus der Andacht zu reissen, das wäre nicht das erste Heer das wir zurückschlagen und verjagen…“
„Da laufen fast fünfhundert Ordenskrieger auf das Stadttor zu, verfolgt von mindestens dreimal sovielen Yespharitern, und sie sind kaum eine halbe Tagesreise von uns entfernt, und du dachtest es sei nicht nötig mich zu rufen du dummer, nutzloser Wurm?“
„Aber..“

Azekiel blinzelte, als ein feuchtes, dumpfes Knacken ertönte. Sie kannte den Laut, und er hatte sofort eine sehr lebhafte Vorstellung der Vorgänge dort oben in ihren Geist gesandt, auch wenn sie nicht weiter darüber nachdenken wollte. Der Kommandant war soeben bestraft und in ewige Qualen gesandt worden, da gab es nicht mehr viel zu überdenken.
Malaner bellte vom Torhaus einige schroffe Befehle, und nur kurz darauf schossen die drei Todesritter wie Dämonen aus dem Torhaus und sammelten jeweils zwanzigschaften von Gardisten ein, um mit ihnen die Tore zu sichern und die Garnison in Alarmbereitschaft zu versetzen, während wiedarum andere zu den Zeughäusern gejagt wurden um dort alles für eine Belagerung vorzubereiten. Belagerung… ein weiteres Wort das Azekiel nur in der Theorie kannte, doch diesmal war es ein Wort das ihr innerstes in ängstliches Beben versetzte. Belagerung bedeutete Krieg… und Versagen.

Stadt Endur – Wintermitte Jahr 21 unter der Herrschaft Präzentor Rivâ’s
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Ein lautes Krachen riß Azekiel aus ihrem Schlummer und ließ sie zitternd hochfahren. Dünner, kalter Rauch lag in der Luft, hatte sich sogar beissend in die Strohmatratze gefressen auf der sie lag, und sprach lebhaft davon, dass das Haus in dem sie geschlafen hatte, am Vortag noch in Flammen gestanden hatte. Die Garde hatte es gelöscht, wie schon so viele Häuser zuvor, und es wieder bezogen. Solange das Dach dicht war, durfte kein Platz nahe den Toren verschwendet werden, und so sicher die Innenstadt auch noch war – zumindest für Gerüstete, denen die Plünderer nichts anhaben konnten – so weit wäre doch der Weg zum Zentrum des Geschehens gewesen, und das konnte nicht geduldet werden.
Die Rufe, Schreie und Befehle der diensthabenden Truppen drangen nur gedämpft und unwirklich durch die nassen, tropfenden Wände, deutlicher jedoch war der Leichengeruch und die heiseren Stöhnlaute der Verwundeten, um die sich kaum jemand wirklich kümmerte. Warum auch? Wenn sie starben, würden sie als Wiedergänger erweckt werden und als Klingenfutter ein weiteres Mal sterben, um endlich zu Neq’roth fahren zu dürfen.
Erneut erklang jenes laute Krachen, ein dumpfer, grollender, abgehackter Laut, der sogar die Grundfesten des Steinhauses erbeben ließ. Es war ein neuer Laut, den Azekiel bisher noch nicht vernommen hatte, obschon die Belagerung der Yesphariter inzwischen fast zwei Monate dauerte. Ein beunruhigender Laut, als würde sich irgendetwas mit ganzer Wucht gegen das Tor werfen, oder gegen die Mauer. Von ihrer Position aus, zwei Gassen vom Westtor entfernt, konnte sie es nicht genau sagen. Als der Laut wieder erstorben war, drangen auch wieder die leisen Hintergrundgeräusche zu ihr vor, das zischelnde, monotone Beten der Necromanten im Nebengebäude, die ununterbrochen neue Untote erschufen um diese als erste Linie gegen den Feind zu hetzen, das abgehackte, röchelnde Atmen des Ordenskriegers der nur ein Stück neben ihr lag, dem Tode näher als dem Leben, und das Schnaufen und Stöhnen der vier Gardisten, die sich das Quartier mit ihr und ebenso vielen Verwundeten teilten, und sich nun rüsteten, um sich wieder in den Kampf zu werfen.
Der Geruch von Blut, Fäulnis und Exkrementen waberte im Raum, und machte ihr klar wieso die anderen es nach nur fünf Stunden Schlaf so eilig hatten, wieder an die frische Luft zu kommen… der Raum stank schlimmer als jede Kerkerzelle, ganz zu schweigen von dem Dreck und Ungeziefer, das zwischen den Halbtoten herumkroch.
Langsam drückte auch Azekiel sich hoch, in den Schneidersitz, und schüttelte sich. Die Strohmatte auf der sie gelegen hatte war klamm, feucht und ein wenig schimmelig, aber es war noch der beste Schlafort in diesem Haus gewesen. Wenn sie zu lange auf einer der anderen, schimmelbedeckten Matten geschlafen hatte, war sie am nächsten Tag immer mit Atemnot und brennenden Augen aufgewacht, und hatte ekelige Ausschläge an Beinen und Rücken bekommen. Seitdem suchte sie sich entweder eine besonders saubere Matratze, oder raffte sich gleich einige zerfetzte Tücher zusammen, um darauf eher schlecht als recht zu schlafen. Immer noch besser als Atemnot, und ihr Kommandant (der vierte dieses Jahr) war fast misstrauisch geworden, als er sie in so gutem Zustand gesehen hatte.
Das Krachen wiederholte sich, schärfer, wie ein Knall, und diesmal auch näher, und die Rufe und Schreie der Truppen waberten ebenso heran. Wohl wurde tatsächlich die Mauer beschossen, nachdem die Yesphariter festgestellt hatten, dass das Tor innen mit Leichnamen verbarrikadiert und magisch gesichert worden war, und nun schienen sie sich darauf zu verlegen, die mächtigen Mauern einzuschiessen.
Einen Moment huschte ein freudloses Schmunzeln über Azekiel’s Lippen. Da würden sie lange schiessen und rammen können, denn entgegen vieler anderer Bauwerke war die Stadtmauer Endur’s nicht nur fast drei ausgestreckte Armspannen dick, sondern auch völlig massiv. Keine Gänge oder Kammern schwächten das Mauerwerk, und die überlegte Mischung aus Granit, Sandstein, Lehm und Schiefer machten es schwer, ganze Mauerstücke herauszusprengen, denn wo eine Schicht sich stur gegenstemmte, gab die nächste weich und federnd nach. Die einzige Möglichkeit die den Yespharitern also blieb, war mehrmals und tagelang einen weiten Teil der Mauer unter Beschuss zu nehmen, bis der Sandstein, Lehm und Schiefer so zersplittert und zerrieben waren, dass die Mauer ganz einfach auseinanderfloß. Aber woher sollten sie dies auch wissen, die Struktur der Mauer war nur der Garde und den Ordenskriegern bekannt, und keiner von diesen Menschen würde jemals Verrat begehen, da war Azekiel sicher.

Das Anlegen der Rüstung ließ ihre Muskeln protestieren. Über Verspannungen und Muskelkater war sie bereits weit hinaus, das wusste sie. Was ihr Körper aktuell beklagte, war die schiere Überlastung und Brutalität, mit der sie Tag für Tag ihr Fleisch bis zur Ohnmacht malträtierte. Dennoch hielt sie nicht inne, gönnte sich keine Pause. Man nahm sich keinen Tag frei, wenn das Leben auf dem Spiel stand, und was sie bisher von den Yespharitern gesehen hatte, ließ sie ernstlich daran zweifeln, dass irgendwer, Mann, Frau oder Kind, die Stadt lebend verlassen würde, wenn diese Mordbrenner eindringen würden. Sie hatte zugesehen, wie die Yesphariter die letzten Ordenskrieger am Tor erwischt hatten, bevor diese in die Stadt zu flüchten vermochten.
Sie hatten sie blutig abgeschlachtet, ihre Leiber zwischen zwei Pfosten gespannt, und ihnen die Köpfe abgetrennt um diese zu verbrennen.. und mit jedem neuen Toten, dessen Wiederkehr sie erfolgreich unterbunden hatten, waren ihre Rufe „Für Yespha!“ bis zur Necropole gedrungen.
Nicht einmal dies hatte den Präzentor bisher aus seiner Kammer locken können, doch Malaner und seine drei Todesritter befanden sich im Kern des Geschehens, um die Truppen zu leiten und zu kommandieren. Ein sehr beruhigender Anblick, der die Garde mit Mut und Ergebenheit erfüllte und sie Tag für Tag davon abhielt, zu desertieren.
Schlapp und hölzern schleppte Azekiel sich an den Krankenliegen vorbei zum Ausgang. Auch dies war eine kluge Taktik, denn sollten die Feinde jemals eindringen, würden sie sich zuerst mit dem Töten der bereits Sterbenden aufhalten müssen und die fünf gesunden Gardisten im Hintergrund übersehen, sodass diese sich auf die Gegenwehr vorbereiten konnten. Der Tod war nur das Ende der Qual des Körpers, wozu also die Verwundeten gesundpflegen und bedauern, wenn es ihnen danach doch soviel besser ging?

Vor dem Haus angekommen schlug ihr eisige, erfrischende Winterluft entgegen. Nicht einmal der Blutgeruch konnte sich der Kälte entziehen, mit ein Grund warum Azekiel den Winter eigentlich besonders gern hatte. Dass die Yesphariter gerade diese Jahreszeit für ihren Angriff nutzten… eigentlich war es verrückt.
Neue Leichen lagen auf der Mauergasse, mit verdrehten, zerquetschten Gliedern, und Blutlachen in den Schnee malend. Opfer der Mörserstösse und Kanonenschüsse, vermutlich waren sie von der Stadtmauer gefallen.
Es war inzwischen ein zu alltäglicher Anblick, als dass Azekiel davon wirklich schockiert gewesen wäre, doch bereitete es ihr Alpträume und Bauchkrämpfe, zu sehen wieviele von ihnen bereits gefallen waren, und wie wenig sie gegen den Feind ausrichten konnten. Es war verwunderlich, hatten sie doch die letzten Tage mehr und mehr Untote Wiedergänger über die Mauern geworfen, normalerweise hätten diese massiven, grausigen Schaden unter den Feinden anrichten müssen… doch diese schien es kaum zu betreffen. Sie hatte noch nicht gewagt einen Blick über die Mauer zu werfen, kaum jemand kehrte von dort oben lebendig zurück, doch etwas seltsames ging dort auf der anderen Seite vor, das war sicher.
Erneut ertönte der Knall, und diesmal hatte sie sogar das vorangehende schrille Pfeifen der Kugel hören können, bevor sich diese so heftig in das Mauerwerk fraß, dass es selbst ihre Knochen noch erbeben ließ. Eine Zehnschaft von Gardisten stürmte an ihr vorbei und erklomm die Treppe zur Stadtmauer, um hinter der Kante zu verschwinden. Befehle wurden gebrüllt, doch waren diese unter dem Rauschen und Geschreie nicht zu verstehen.
Azekiel wandte sich dem Westtor zu und verfiel in einen eiligen, kontrollierten Schritt. Vor dem Torhaus wuselten die Gardisten und Ordenskrieger wie Ameisen durcheinander, undefinierbaren Pfaden folgend, doch als Malaner gefolgt von zwei Todesrittern heranstürmte, teilten sich die arbeitsamen Verteidiger, als sei ein Löwe in deren Mitte geprescht.

„Die zwei West-Zehnschaften der Garde zu mir. Ordenskrieger im 2. Jahr zu mir!“

Azekiel verfiel in einen kurzen Lauf, eilig, jedoch nicht mehr hastig. Hast hatte sie sich abgewöhnt, als der Krieg nach zwei Wochen immer noch schwelte. Es fiel nicht einmal sonderlich auf, denn bis sich die zwei Zehnschaften formiert hatten, war sie bereits an ihrem Punkt in der zweiten Reihe links aussen.

„Gardezehnschaften folgen Gregôr. Ordenskrieger gehen mit Fyle. Das sind ab jetzt eure Kommandanten, und ihnen werdet ihr berichten. Wegtreten!“

Noch während die Gardisten dem zugewiesenen Todesritter folgten, musste Azekiel an sich halten, nicht allzulange nachzudenken. Malaner hatte das erste Mal keine Titel benutzt. Hatte er sie vergessen? Warum hatte er sie vergessen? War die Lage so verzweifelt dass er es nicht mehr für nötig hielt, auf Anstand, Respekt und Ehrerbietung zu pochen? Wenn ja… wie schlimm war die Lage wirklich?

Stadt Endur – 2 Tage vor Jahreswechsel, Jahr 21 unter der Herrschaft Präzentor Rivâ’s
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Misstrauische, schwarze Knopfaugen starrten Azekiel an, ohne auch nur einmal zu blinzeln. Die fast katzengroße Ratte saß mitten auf der auskühlenden Leiche eines älteren Gardisten, und behielt sie mit einer Seelenruhe im Auge, die nur die Wesen innehatten, die vom Krieg profitierten, wie diese Ratte, oder die Raben, die seit fast zwei Wochen die Dächer der Stadt bevölkerten und immer tückischer in ihrer Jagd nach frischem Fleisch vorgingen. Azekiel griff sehr langsam nach dem Griff ihres Kurzschwertes, ohne die Ratte aus den Augen zu lassen. Noch war es unsicher, ob das Tier flüchten oder sie angreifen würde, doch es hieß sicher zu gehen.
Die Waffe knirschte leise aus der verklebten Scheide, und die Ratte hob witternd den Kopf. Die buschigen Barthaare wippten vor und zurück wie Schmetterlingsflügel, während das Tier sich auf die Hinterpfoten setzte und die kleinen handartigen Vorderpfoten anzog, zu winzigen Fäusten geballt und in das dreckbraune Fell gedrückt. Ratten hatten Azekiel immer schon Angst eingeflößt.. sie zwinkerten nicht, und wenn, dann so schnell dass man es nicht sehen konnte. Nur zwei große, schwarze, herausstehende Augäpfel waren zu sehen, kein weiß, keine Iris… Erschütternd, aber essbar.
Die Klinge zuckte vor, die riesige Ratte machte einen quiekenden Satz und sprang mit großen Sätzen davon, gen‘ der Häuserruinen. Mit feuchtem Knacken versank die Klingenspitze im Leichnam ihres Kollegen, und Azekiel sank mit frustriertem Jammern auf die Knie. Es war zum Weinen, nur ob es ihre Unfähigkeit mit dem Schwerte oder das Entkommen der Ratte war, schien einen Moment unklar. Rosafarbener Schnee schmolz um ihre Knie und sickerte durch die Ritzen der Plattenbeine, biß kalt in ihre klammen Knie, während sie sich schwächlich auf den Schwertgriff lehnte.
Machte es überhaupt noch Sinn?
Azekiel’s Blick striff durch die einstmals so eindrucksvolle Juweliersstrasse. Ausgebrannte, halb eingestürzte Gebäude, deren Dächer sich unter der Last des Schnees bogen, Dreck, Kot, Exkremente, die jede Ecke zierten, dazwischen die frischen Leichen jener, die dem überraschenden wenn auch sinnlosen Einfall einiger Yesphariter zum Opfer gefallen waren, blakende, stinkende Feuer zwischen den zerbrochenen Mauern, und darum geschart ausgehungerte, schwarzäugige Gardisten, an deren Leib man jede Rippe zählen konnte. Seit neuestem waren die Endurer Verteidiger dazu übergegangen, die Leichen auszuziehen und die Kleider als Zündverstärker zu benutzen, damit die feuchten Holzstücke die vor nicht allzulanger Zeit noch Dach- und Stützbalken gebildet hatten auch Feuer fingen, doch der Schnee und damit das Wasser schien überall hin zu gelangen.
Irgendwann war der fließende Übergang zur Katastrophe abgeschlossen gewesen, ohne dass es jemand bemerkt hatte. Plötzlich desertierten halb verhungerte Gardisten, verschwanden in den Gassen der Stadt, oder man sah Bettler und anderes Gezücht die Leichen verschleppen. Einige waren auch auf gut Glück von der Stadtmauer gesprungen und direkt in die Reihen der Yesphariter gelaufen, doch Azekiel konnte mit eigenen Augen bezeugen wie wenig Gnade diese kannten. Inzwischen war es sogar offiziell, Zweifler, Ketzer und Kritiker wurden auf die Stadtmauern geschickt um dort die kochenden Ölkessel zu bedienen… Niemand kehrte von dort zurück. Inzwischen waren große Teile der Stadtmauer nicht mehr begehbar, denn das gewaltige Gebilde wölbte sich an vielen Stellen derartig, dass selbst die Kesselsteher keinen Halt mehr fanden. Die Yesphariter hatten den Beschuss tatsächlich vehement und ausdauernd aufrecht erhalten und waren dabei erschreckend klug vorgegangen… so klug, dass es den Eindruck erweckte, ein Verräter würde in deren Reihen sitzen.

Leise keuchend zog Azekiel ihr Schwert aus dem Toten, nur mühsam beherrscht genug um nicht über ihre missglückte Jagd zu schluchzen.
Ein Zischen erklang, dann das helle Aufkreischen einer Ratte.
Langsam scheidete Azekiel ihre Waffe und schluchzte leise auf. Noch frustrierender als eine missglückte Jagd konnte nur das deutlich hörbare Jagdglück eines anderen sein, und tatsächlich, dort zwischen den zerklüfteten Mauern der ehemaligen Tauschstube trat eine dunkle Silouette hervor. Groß gewachsen, offensichtlich wärmer und besser gekleidet als viele der Gardisten, und er hielt ein tropfendes Bündel hoch… die tote Ratte.
Das war zuviel des Guten. Mit mühsam beherrschten, forschen Schritten stapfte die junge Frau näher.
„Das ist meine Beute gewesen! Du hast meine Beute gestohlen!“
Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass sich zwei Verteidiger gegenseitig den Kopf einschlugen, und auch wenn Azekiel sich bisher bei Weitem nicht für verzweifelt genug gehalten hatte, so etwas selbst zu tun, so wusste sie doch in diesem Moment, dass dieses Geschehnis der Tropfen gewesen war, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Ihr Lederhandschuh knirschte leise, als sie die Faust fester um den Griff ihres Schwertes ballte.
Ein leises, sonores Lachen erklang, ein Ton der ihr über die Schultern den Rücken hinab strich und ihre Eingeweide auf angenehme Art verkrampfte, dann trat die Gestalt den letzten Schritt näher und funkelte sie aus smaragdgrünen Augen an.
Liel. Verflucht.
„Du willst mit mir um eine Ratte balgen, kleines Mädchen?“ Seine Stimme war ein schmeichelndes, dunkles Säuseln, das einer jeden Frau instinktiv die Röte ins Gesicht steigen ließ, sein Lächeln unbeschwert und doch irgendwie.. schmutzig, als wäre sie in Gedanken bereits nackt gewesen, bevor sie ihn überhaupt angesprochen hatte, doch seine Augen… In ihnen lag eine Klugheit, eine Verschlagenheit, Kälte und Spott, der selbst Malaner dazu gebracht hatte, den Thoronacpriester tunlichst zu meiden.
Unwillkürlich trat Azekiel einen Schritt zurück, und erneut knirschte es leise, als sie das langsam anrostende Schwert drei Finger breit aus der Scheide zog. Keine Absicht, fürwahr nicht, aber ein Anspannen der Muskeln, das über das normale, kontrollierte Maß hinausging. Einen Moment war Azekiel unsicher, ob es seine schiere Ausstrahlung von Gefahr war, oder aber die Reaktion, die seine Stimme in ihrem Bauch ausgelöst hatte, aber beide Möglichkeiten erschienen in diesem Moment nicht gerade verlockend.
„Dein Schwert wird dir gegen mich nicht helfen, kleines Mädchen… aber du siehst sowieso nicht so aus als könntest du es überhaupt noch heben.“
Azekiel spürte die Röte auf ihre schmutzigen Wangen kriechen, bevor sie tatsächlich sichtbar wurde, und fluchte innerlich leise. Sie hatte zu lange geschwiegen. Mit jedem Moment wurde die Situation lächerlicher und peinlicher, und am liebsten hätte sie ihm die Ratte aus der Hand gerissen und wäre davongelaufen, wie ein dreckiger Dieb, aber vermutlich wäre sie zuckend am Boden geendet bevor sie das Fell des blutenden Tieres auch nur gestreift hatte. Die Fäuste ballend richtete sie sich auf und kämpfte darum, den Blick in seine giftgrünen, höhnischen Augen zu richten, um sich wenigstens den letzten Rest Stolz zu bewahren.
„Das war meine Beute. Ich habe sie nur einen Moment aus den Augen verloren, und du.. ihr habt sie mir gestohlen, Liel!“
Sie spürte, wie sich ihr Magen zusammenkrampfte bei diesen Worten, und ihr Blick rutschte endgültig ab, als erneut dieses perlende, männliche Gelächter ertönte. Finger streiften ihre Wange, ließen sie zusammenzucken, doch sie gab dem Wunsch, wegzulaufen nicht nach. Stolz. Wenn man nichts hatte ausser Hunger und Stolz, wollte man sich das Angenehmere der beiden wenigstens erhalten, selbst wenn es vollkommen verrückt und sinnlos erschien.
Liels warmer Körper bewegte sich näher, gab ihrem erröteten Gesicht einen Eindruck davon, was sein könnte, würde sie sich an ihn lehnen, doch verwehrte der winzige Abstand jeden Kontakt, als er sein Haupt an das ihre neigte und nur Fingerbreit von ihrem Ohr entfernt flüsterte:
„Dann teilen wir sie uns doch.“

Einige Momente harrte Azekiel völlig reglos aus, und dieses Mal war es nicht die Röte, sondern eine schwindelerregende Blässe, die ihr Gesicht überzog. SIE und ein Thoronacpriester… teilen?! Sein Gesicht zumindest enthüllte keinerlei Boshaftigkeit oder Lüge als sie ihn argwöhnisch anstarrte, nur diese Höhne und der Spott blitzen in seinen grünen, verlockenden Augen, ein Blick der ihr sagte >Du dummes kleines Mädchen streitest mit mir um eine Ratte wie ein kleines Kind um ein Spielzeug… Lass dir von einem Erwachsenen zeigen wie das geht.<
Eigentlich war es sogar rechtens. Die winzige Thoronacgemeinde hatte sich dem Neq’roth Orden unterstellt und hoch und heilig beschworen, die Streiter des Seelenfressenden zu unterstützen wo immer sie es konnten, und auch wenn sie bisher Wort gehalten hatten – und sich damit eigentlich Respekt verdienten – waren es immer noch Untergebene eines jeden Streiters des wahren Glaubens. Es wäre also eine sehr gütige Geste, nun das Mahl mit ihm zu teilen.
Eine zufriedenstellende Ausrede in Zeiten der Not.
Azekiel schenkte Liel ein knappes, fahles und misstrauisches Schmunzeln, und als sie nickte, verließen ihre Augen keinen Moment sein Gesicht, nach einem Anzeichen des Betruges suchend… doch da war keines.
„In Zeiten der Not müssen die Diener des Wahren Ziels zusammenhalten, nicht?“ hauchte sie mit rauher Stimme, und spürte wie sich ihre Anspannung etwas lockerte, als Liel erneut dieses anheimelnde, leise Lachen hören ließ und lächelnd nickte. „Ja, so ist es.“
Er deutete über ihre Schulter, sich dabei gerade genug vorlehnend, damit sein Mantelstoff ihre Wange streifen konnte, und raunte ihr erneut aus nächster Nähe zu: „Dort hinten ist ein warmer, trockener Platz der frei von Räubern ist… es wird dir gefallen…“

Nur einen Lidschlag später glomm der Horizont über den verfallenen Dächern auf und mit einem ohrenbetäubenden Knall brach das Inferno los.

Stadt Endur – 2 Tage vor Jahreswechsel, Einfall der Yesphariter
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Eine Druckwelle rauschte durch die Straßen, heiße Luft fraß sich brennend in Azekiel’s Kleidung. Sie hatte nicht gefühlt dass sie den Boden unter den Füßen verloren hatte, doch der Aufprall presste die Luft aus ihren Lungen und ließ ihre Sicht für einige Momente schwarz flackern. Etwas dunkles, vermutlich rotes, waberte einen Moment über ihr wie eine Wolke Blut, dann prallte etwas Schweres auf sie und umklammerte sie eisern, während erneut glühend heiße Luft über sie hinwegfegte und ihre Fingerspitzen verbrannte.
Es war sehr still, nur das Pochen ihres Herzens drang bis in ihren betäubten Kopf, und das Reiben der heißen Luft, die durch ihre Kehle pfiff. Immer noch waren ihre Sinne von der Explosion wie in Gelee gepackt, und tiefe Dunkelheit umhüllte sie, bevor sich der dunkle Schemen, der sich an sie klammerte, erhob. Die tiefe Stille ließ seine Bewegungen, die vorbeilaufenden Gardisten, den brennenden Verwundeten im Hintergrund unwirklich und traumhaft erscheinen, doch die inzwischen wieder schockhaft eisige Luft ließ Azekiel langsam wieder zu sich kommen.
Der Schnee um sie herum war teilweise geschmolzen, floß klamm und kalt in ihre Kleidung und biß in ihre Haut. Die Kälte tat ihren Teil, und als der verschwommene Schemen ihr die Hand hinhielt, drangen die ersten Schreie näher, gedämpft und wie durch Watte, fast übertönt von dem kreischenden Fiepen ihres malträtierten Trommelfells. Langsam, keuchend ergriff sie die Hand und ließ sich hochziehen.
Es war Liel, und auch wenn ihr im ersten Moment schwarz vor Augen wurde, konnte sie doch erkennen, dass Dampf und Qualm von seinen Schultern aufstiegen, als hätte er eigentlich gerade noch in Flammen gestanden. Seine Lippen bewegten sich, doch noch war ihr Gehör nicht weit genug zurückgekehrt als dass sie verstanden hätte was er rief, doch als er den Arm um sie schlang und sie stützend mit sich zerrte, war sie ihm unendlich dankbar.
Sie spürte jeden Schritt durch ihre Knochen beben, spürte wie sein Arm sich einer Stahlwinde gleich um sie schloss und sie fast trug, doch was sie sah, konnte sie nicht glauben.
Es schien fast, als sei in der Stadt ein Inferno losgebrochen. Dutzende, große Gebäude standen in Flammen, brennende Sterbende torkelten hinaus auf die verschneite, dreckige Straße um dort zusammenzubrechen, während panische Gardisten und anderes gerüstetes Volk ziellos an ihnen vorbeitorkelte. Kein einziger Yesphariter war zu sehen, nur verwirrte, planlose Verteidiger, Leichen, Blut und Flammen. Immer wieder ertönte ein Donnern, Splittern, Krachen, und die Explosionen der Gebäude schienen sich wie eine Welle fortzusetzen, von Ost nach West, fast penibel aufgereiht. Von überall her drangen Schreie und Heulen, Rufe, und schlussendlich Waffengeklirr, als die Stadtmauer zuerst tranceartig langsam, und schliesslich rasend schnell einstürzte.
Irgendwann als sie fast in der Fleischergasse – jene lag Östlich der Necropole – angekommen waren, erkannte Azekiel schliesslich, dass ihr Gehör zurückgekehrt war, wenn auch immer noch alle Laute gedämpft und unwirklich klangen. Immer noch stützte Liel ihren Körper mit einer Kraft, die man dem hochgewachsenen, aber beileibe nicht kriegerischen Manne nicht zugetraut hätte, und als Azekiel sicherer im Schritt wurde und schließlich keuchte, er könne sie loslassen, schien er einige Momente gar nicht recht gewillt, die erzwungene Nähe aufzugeben.
Schliesslich jedoch lockerte er seine Umklammerung und packte stattdessen ihren Oberarm, um sie fast am Ende der Gasse scharf nach rechts in ein angekohltes, aber erstaunlich gut erhaltenes Gebäude zu zerren.

Das Innere des kleinen, einräumigen Hauses war staubtrocken, wovon vor allem die kleinen Staubwolken zeugten, die aufstiegen als Azekiel in der Mitte des Raumes auf alle Viere fiel. Die Steinmauern dämpften die Schreie und aufbrandenden Kampfgeräusche der Ferne auf ein irreal leises Maß herab, und die dadurch aufkommende Stille polterte wie ein Trommelorchester durch ihren Kopf. Hellrote Schemen flackerten durch die halb verbarrikadierten Fenster und malten blutige Schatten auf die Wände, zeugten von dem Kampf und den Feuern, die durch die Stadt tosten.
Reibendes Rumpeln ließ Azekiel den Blick zurück zum Eingang richten, wo Liel gerade dabei war, einen windschiefen, halb zerbrochenen Schrank vor das gähnende Loch zu schieben, das einst eine Tür beinhaltet hatte. Nur kurz darauf wurde es fast stockdunkel in dem Raum, und die Stille noch einnehmender. Nur noch ferner Donner und dumpfes Grollen zeugten von der Schlacht hinter den Wänden.
Azekiel ließ sich auf die Fersen sinken, und lauschte in sich hinein. Es war eher eine instinktive Reaktion denn irgendetwas gelerntes, doch ein unangenehmes Gefühl, eine Ahnung, sagte ihr, dass sie verletzt sein musste, dass es unmöglich war, dass sie unversehrt davon gekommen war… Es musste der Schock sein, der ihren Körper betäubt hatte.
Sie spürte, wie ihre Arme und Schultern zu zittern begannen, hörte das Echo ihres hysterischen Atems von den Wänden widerhallen, spürte, wie Hitze ihre Brust hinaufbrannte und ihren Hals umschloss wie ein würgendes Band. Wenn sie nicht bald die Kontrolle über sich wiedererlangte, würde sie in Ohnmacht fallen…
Eine Hand schloss sich um ihre Schulter, kurz darauf legte sich eine weitere um ihre Stirn, zwei Arme zogen sie auf die Knie und drückten sie an eine schwer keuchende Brust.
„Ruhig… ruhig… Du bist in Sicherheit, ganz ruhig atmen…. zwischen jedem Atemzug bis drei zählen, lass locker, sonst erstickst du noch.“
Liels erstaunlich ruhige Stimme brandete durch das infernalische Rauschen ihres Gehörs wie ein Anker, und obwohl er ebenso atemlos sein musste, wirkte seine Berührung wie linderndes Balsam auf ihren panischen Geist. Mühselig und anfangs weniger erfolgreich als wenige Momente später folgte sie seinen Anweisungen, und nach unendlich langen Momenten spürte sie, wie sie wieder Luft bekam, normal atmete.
Liels Hände lösten sich von ihr, ließen sie langsam auf den Boden sinken, während er sie auf die Seite drehte, und sie ließ es geschehen.
Der Staub fühlte sich kühl an, jedoch nicht zu unangenehm kalt wie der Schnee zuvor, und auch wenn sie es sich nicht hatte eingestehen wollen, so war dieser kurze Moment der Ruhe wohltuend.
Liel erhob sich, trat von ihr zurück und lehnte sich an die Wand schräg gegenüber, sodass sie ihn ansehen konnte, aber nicht musste. Er wirkte viel zu ruhig für das was geschehen war… aber vielleicht war sie auch einfach zu hysterisch.
Erneut brandete seine Stimme durch den Raum, füllte die lastende Stille mit erleichterndem Klang.
„Wir sind hier in Sicherheit, solange wir uns ruhig und still verhalten. Endur ist verloren, aber ich habe einen Plan, wie wir hier lebend hinauskommen. Dazu musst du mir allerdings vertrauen, und zwar bedingungslos. Du musst jede meiner Anweisungen genau und ohne Widerworte ausführen, sonst bist du tot. Hast du mich verstanden?“
Es dauerte einige Momente, bis Azekiel seine Worte mit der Wirklichkeit verbunden hatte, und realisierte, dass er eine Antwort erwartete. Sie holte langsam und vorsichtig Luft, gerade genug um sich mit einem Seufzen weit genug zu entspannen um das Zittern in den Griff zu bekommen, und flüsterte:
„Verstanden…“
Sie konnte sein Schmunzeln nicht sehen, aber fühlen, und wäre die Situation eine andere gewesen, hätte sie vermutlich Misstrauen geschöpft.. doch die Situation war wie sie war, und mit leisem Reiben ließ Liel sich an der Wand hinabgleiten um sich im Sitzen dagegen zu lehnen.
„Gut. Sehr gut.“

Der Lärm der Schlacht zog schliesslich näher, doch nicht nahe genug um auf direkte Gefahr hinzuweisen, und schließlich war es die Erschöpfung, die ihre Krallen in Azekiel’s Bewusstsein schlug und sie in traumlose Abgründe riss.

Stadt Endur – Ein Tag vor Jahreswechsel, Besatz der Yesphariter
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Azekiel erwachte mit pochenden Schläfen. Ihr gesamter Schädel schien zu pulsieren und zu brummen, die Glieder schmerzten, und ein stechender Schmerz durchzog ihre Schulter, als sie sich langsam auf den Rücken drehte. Ihr Mund war erfüllt vom Geschmack nach Staub und Erde, und ihre Kehle so trocken dass sie husten musste. Langsam fuhr sie mit der Zunge durch die Mundhöhle, und prompt platzte ihre Lippe und ein Blutstropfen floss über ihre geschwollene Zunge und hinab in die Kehle, was ihr einen trockenen Hustenanfall entlockte.
Waberndes Halbdunkel umgab sie, doch vom Schlachtenlärm war nichts zurückgeblieben. Wie lange hatte sie geschlafen? Und wo war Liel? Dämmerlicht flutete durch das halb verrammelte Fenster, wohl musste es kurz vor Sonnenuntergang sein, und dies beantwortete zumindest eine Frage. Sie hatte fast einen ganzen Tag geschlafen, und genauso fühlte sie sich auch.
Hin und wieder hallten gedämpfte Rufe durch die Gasse vor dem Haus, doch sie hörten sich fremdartig und ungewohnt an… Hatten die Yesphariter etwa die Stadt bereits eingenommen? Sie konnten unmöglich bereits alle Neq’rothim niedergeschlagen haben, immerhin waren insgesamt – mit den Ordenskriegern – fast 2000 Mann in der Stadt gewesen. Es bereitete ihr einiges an Schmerzen, sich aufzusetzen, und kaum hatte sie sich auf die Hände gestützt, als sich auch schon ein Schatten aus dem Halbdunkel löste und praktisch lautlos auf sie zuglitt.
Ihre zweite Frage war beantwortet, Liel ging vor ihr in die Hocke und betrachtete sie ausdruckslos forschend aus diesen unsäglich grünen Augen, die selbst in dieser fast-Dunkelheit noch klar und strahlend wirkten.
„Durst…“
Ihre Stimme klang rauchig, kratzig, rauh wie ein Waschbrett, und zeugte wohl deutlicher von ihrem Drang nach Flüssigkeit, als die Bitte selbst es tun hätte können. Einen Moment lang huschte ein sehr seltsamer Ausdruck über Liel’s Gesicht, als würde er erneut etwas sehr schmutziges denken, doch seine Augen waren erfüllt von schauderhafter Dunkelheit. Etwas in Azekiel’s Gesicht musste von ihrem Schrecken über diesen unmittelbaren Ausdruck gezeugt haben, denn schlagartig rutschte ein schalkhaftes Schmunzeln auf seine Lippen und der Spott fand seinen Weg zurück und verschloss das beunruhigende Dunkel in Liel’s Blick.
Mit einer Hand griff er in seinen Beutel, und zauberte eine kleine Flasche heraus, die wie ein gutes Behältnis für Portwein aussah, und hielt ihr diese hin, leise wispernd: „Scht. Nicht so laut, sonst werden wir gefunden.“
Der Durst ließ ihre Hand schneller als ihre Vernunft arbeiten, und so griff sie nach der Flasche, entkorkte diese noch auf dem Weg zum Mund und goß sich ohne weitere Fragen fünf große Schlucke des Gebräus in den Mund. Vermutlich hätte sie noch mehr genommen, doch Liel riss ihr die Flasche aus dem Griff und schüttelte tadelnd den Kopf, während Azekiel die erste Hitze des Portweins ihre Kehle hinaufkriechen spürte.
Liel stützte die Portweinflasche auf seinem Knie ab und beobachtete sie spöttisch schmunzelnd, bevor er leise flüsterte:
„Wie ich sagte, Endur ist verloren. Die Yesphariter sind vor 2 Stunden in die Necropole eingebrochen, und haben den Präzentor hingerichtet. Allerdings kenne ich einen Weg hinaus. Einen Weg, den ich dir unter einer Bedingung zeigen werde.“
Immer noch standen ihr die Tränen ob der Schärfe des Trunkes in den Augen, doch diese Worte lenkten sie ab, und ließen sie den Blick in das Gesicht des jungen Priesters richten. Er kannte einen Weg hinaus? Was für Kontakte sponn dieser Mann aus? Thoronacpriester waren immer schon ein Rätsel gewesen, doch gab es nicht grundlos das Sprichwort „Lass dir nie von einem Thoronacdiener über den Fluss helfen wenn du nicht schwimmen kannst“. Azekiel vertraute ihm nicht, doch in diesem Moment, und eingesperrt in diesem halb zerstörten, winzigen Gebäude blieb ihr eigentlich keine andere Wahl.
Ein sachtes Räuspern half endgültig gegen den zähen, gelierten Schleim in ihrer Kehle, bevor sie leise fragte:
„Und was für eine Bedingung wäre das, Priester?“
Liel schmunzelte, und der Portwein gluckerte leise als er die Flasche anhob und sacht zwischen 4 Fingern hin und her schwingen ließ. Immer noch war seine Mimik die Ruhe selbst, als könne ihn nichts von all den Geschehnissen aus dem Gleichgewicht bringen. Angesichts dessen dass dort draußen seine und ihre Heimat in Schutt und Asche gelegt wurden, war Azekiel dieses Verhalten ein Rätsel. Sie wusste, dass Liel ebenso in Endur aufgewachsen war wie sie selbst, wie kam es also dass die Zerstörung der Stadt ihr soviel mehr Schmerz bereitete als ihm?
„Die Bedingung ist, dass du eine äusserst wertvolle Reliquie aus dem Tempel der Necropole rettest und sie vor diesen Frevlern schützt indem du sie mitnimmst.“
Seine Worte rissen sie aus ihrer träumerischen Trance. Eine Reliquie? Eine Reliquie des Neq’roth retten? SIE? Der Gedanke schnürte ihr die Luft ab und ließ ihr Blut einen Moment aus ihrem Gesicht flüchten. Sie ballte die zitternden Hände ineinander, und als sie schliesslich wieder fähig war zu antworten, schien Liel bereits gewillt sie erneut zu verhöhnen für ihr kindliches Benehmen.
„Eine Reliquie retten? Ich? Wie soll das gehen? Ihr… du sagtest selbst, dass die Yesphariter in die Necropole eingefallen sind. Wie sollen wir dort denn hineinkommen? Und wie hinaus? Das wäre unser beider Tod!“
Liel’s gutturales, melodisches Lachen kroch unter ihre klamme Rüstung und huschte wie ein warmer, einhüllender Windhauch über ihr Rückgrat hinab. Das schaffte er jedes Mal, so zu lachen dass es herabsetzend und wie ein unmoralisches Angebot zugleich wirkte, und mit der Zeit begann Azekiel dieses Lachen zu fürchten und zu hassen, denn sie fühlte innerlich, wie es sie schwächte und einlullte. So angenehm, so einwickelnd… so gefährlich. Und dennoch konnte sie sich einfach nicht beherrschen und lächelte sacht errötend.
„Ich kann uns beide dort hineinschmuggeln, und wieder hinaus, ohne dass die Yesphariter uns angreifen. Ich habe gewisse… Kontakte bei ihnen, die sie glauben machen ich wäre auf ihrer Seite – was ich natürlich nicht bin! – „ fügte er auf Azekiel’s schockierten Blick an, „auf jeden Fall kann ich uns bis vor die Tore des Tempels bringen. Von dort an musst du alleine zurechtkommen, in den Tempel hinein gelangen, die Reliquie von ihrem Sockel nehmen, und damit wieder zu mir gelangen. Schaffst du das nicht, bist du tot. Schaffst du es, wird der Eine dir auf ewig Segen spenden dafür dass du sein Heiligtum gerettet hast.“
Einige Momente saß Azekiel still da und ließ die Worte auf sich wirken. Es klang verrückt, nein, eher völlig durchgeknallt, und irgendetwas in ihrem Inneren verlautbarte mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln wie sehr diese Geschichte stank, doch sie konnte den Fehler einfach nicht finden. Alles klang völlig logisch, wie eine natürliche Pflicht die ihr Glaube ihr auferlegte, nachvollziehbar und…
Eine träge, federleichte Schwere legte sich auf ihren Verstand und ließ ihre Gedanken einen Moment abdriften. Das musste wohl die Wirkung des Portweins sein, auch wenn es sich etwas seltsam anfühlte. Dreimal musste Azekiel blinzeln, bevor sie sich erinnerte, woran sie eigentlich gerade gedacht hatte, und mit jedem Moment nahm das Gefühl des Unwohlseins ab. Natürlich, Liel hatte völlig recht. Diese Reliquie musste gerettet werden… Welche war es überhaupt? Erneut blinzelte sie, und stellte mit träger Genugtuung fest, dass es gar nicht zählte was für ein Objekt sie retten sollte. Liel’s Plan war vernünftig und einleuchtend, und offensichtlich hatte er ihn gut durchdacht.
Erneut machte sich Durst bemerkbar, und sie streckte die Hand nach der Portweinflasche aus. Liel’s Schmunzeln hatte erneut diesen beunruhigend lüsternen Ausdruck, doch erschien ihr dies mit einem Mal völlig normal. Warum sollte er sie auch nicht so anblicken, immerhin war sie gutaussehend, jung, und eine Gardistin. Alles in allem ein begehrenswertes Weib.
Und nachdem sie drei weitere Schlucke aus der Portweinflasche genommen hatte, wirkte Liel auch gar nicht mehr beunruhigend oder gefährlich, sondern eher anziehend und… wunderschön. Begehrenswert…
Noch während ihr die Sinne endgültig verschwammen und in einem wunderschönen Taumel der Sinnestäuschungen versanken, hörte sie Liel noch in ihr Ohr flüstern: „Morgen, kleines Mädchen.. morgen gehen wir in den Tempel…“
Doch so recht nahm sie diese Worte nicht mehr wahr, viel zu ablenkend war seine heisse, nackte Haut auf der ihren…

Necropole Endur – Jahreswechsel, Besatz der Yesphariter
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Die rostrote Kutte hüllte Azekiel ein wie eine zweite Haut. Es war ungewohnt, so dahinzustapfen mit nichts als der normalen Wäsche und dieser Robe um den Leib, so ganz ohne die gewohnte Rüstung, und als einzige Waffe einen handflächenlangen Dolch unter der Robe verborgen zu tragen. Ungewohnt war ein sehr freundliches Wort für das nagende, einschüchternde Gefühl das Azekiel in diesem Moment empfand, denn eigentlich hätte sie am liebsten auf dem Absatz kehrt gemacht und hätte reissaus genommen, als sie den ersten Yespharitern begegneten. Mit gezückten Waffen stürzten sie auf die Beiden los und hielten erst inne als sie vor den Kriegern knieten. Seltsamerweise brauchte Liel nur einige Worte mit dem Kommandanten der Truppe zu wechseln, und schon durften sie wieder aufstehen, wenn auch weiter umzingelt von der Patroullie.
Die Dunkelheit, die wie alleseits in und um Endur herrschte, schien die Yesphariter zu beunruhigen. Wie auch hätten sie verstehen sollen, dass diese Dunkelheit Neq’roths Segen war, der erst gehen würde wenn der letzte Neq’rothim zu ihm gefahren und der Platz entweiht worden war? Notdürftig hatten die Besatzer Fackelhalterungen in jene Wände geschlagen, die noch standen, um zumindest ein wenig Licht zu verbreiten, doch schien dieses kaum durch den Schlick der Nacht zu dringen können. Einen Moment lang musste Azekiel schmunzeln, und es fühlte sich seltsam an, ein wenig wie das Gefühl, wenn sie Liel auf seine seltsame Art und Weise schmunzeln sah. Es war das Wissen, dass sie Informationen besaß die die Yesphariter gerne gehabt hätten, ohne zu wissen woher, das sie so schmunzeln ließ, und vielleicht löste genau der selbe Gedanke auch bei Liel regelmäßig diesen Ausdruck aus? Wenn dem so war, musste Liel seltsame Informationen besitzen, denn er schmunzelte zu den wirrsten Anlässen.
Dennoch, dies waren keine Gedanken für die aktuelle Situation, sondern für müßigere Stunden. Und müßig konnte man es nicht bezeichnen, inmitten einer Achtschaft von schwarzgerüsteten Yespharitern gen‘ Necropole zu stapfen, von stetigen ablehnenden, hasserfüllten Blicken gestreift. Ein wenig irritierend war es durchaus, dass die Yesphariter nicht mehr als diese Blicke für ihre Verkleidung vorhatten, denn ansich waren die Diener Thoronacs dem heuchlerischen Gezücht von Götzendienern ebenso ein Dorn im Auge wie es die Neq’rothim waren, doch irgendwie hatte Liel es geschafft, einen Fuß in die Türe ihres Glaubens zu bekommen. Manchmal waren die Verräter allen Seins also doch zu etwas nutze. Dieser Gedanke brachte sie wieder dazu zu schmunzeln, und es fühlte sich auf seltsame Weise gut an.
Gerade eben erreichten sie die breite Weststrasse, die von dem völlig zerstörten Westtor direkt zur Necropole führte, und immer noch war der Schnee überall rotfleckig vom Blut der vergangenen Schlacht. Dünner Rauchgeruch lag in der Luft, über die zerstörte Mauer herangeweht. Vermutlich brannten weit draussen auf der Ebene dutzende riesige Haufen von Leichen, denn begraben konnte man eine so große Zahl an Toten nicht… nicht im Winter, wenn der Boden steinhart war.
Hin und wieder rutschte einer ihrer Häscher mit den eisernen Sohlen auf dem glatten Schnee, doch lachte niemand. Selbst Liel schien in diesem Moment jeglichen Sinn für Humor verloren zu haben. Es war schon beeindruckend ihn zu beobachten wie er dahin schritt, ganz der Priester der er die letzten Tage nicht gewesen war, und immer wieder musste sie sich selbst in Gedanken scharf zur Ruhe rufen, um ihn nicht von hinten anzustarren, sondern sich strikt an seine Anweisungen zu halten.

„Geh immer mit gesenktem Haupt, die Hände locker ineinander gelegt, halte dich immer einen Schritt schräg hinter mir, und überlasse mir die Antworten. Was immer sie tun, wehre dich nicht, hörst du?“

Ja, die Worte waren wie eingemeißelt in ihrem Kopf. Vermutlich wäre es nicht einmal im Vollrausch möglich gewesen, sie noch zu vergessen, und inzwischen befürchtete Azekiel, dass er sie irgendwie verhext hatte, so deutlich hörte sie seine Stimme im Kopf.
Sie war dermaßen in Gedanken versunken, dass sie fast in Liel’s Rücken prallte, als dieser mit einer schwungvollen Geste anhielt, und als sie aus den Augenwinkeln hinauflinste, erkannte sie das mächtige, mit schwarzem Eisen beschlagene Tor der Necropole. Vier Mann hoch war es, aus Holzbohlen so dick wie ein kräftiger Mann, und es benötigte drei Sklaven pro Türflügel, um es zu öffnen und zu schliessen. Scheinbar hatten sich die Yesphariter entschlossen, den Mechanismus weiter zu nutzen, denn nur einen Augenblick später schwang das gewaltige Tor fast lautlos auf, um die zehn Personen zu schlucken.

Auch in der Necropole hatte sich in so kurzer Zeit einiges verändert. die blakenden Fackeln an den Wänden waren verdoppelt worden, ja sogar Kohlebecken waren aufgestellt worden, um die drückende Dunkelheit des ehrfurchtgebietenden Gebäudes zu bekämpfen. Bilder, Statuen, Mosaiken, alle lagen zetrümmert und zu Haufen geschoben an den Seiten des breiten Ganges, und immer wieder passierten weitere Patroullien von Yespharitern die kleine Gruppe, in deren Mitte Liel und Azekiel gingen.
Scheinbar schienen sowohl Liel als auch der Kommandant der Achtschaft genau zu wissen wohin sie wollten, denn sie hielten an keiner Kreuzung auch nur einmal inne. Azekiel erinnerte sich düster an den Weg. Er führte zu den Ritengruben, an einer Abzweigung wäre man in den sorgsamen, karg bepflanzten aber dafür umso perfekteren Garten gelangt, an der nächsten Kreuzung hätten sie abbiegen und die Opferkammern betreten können… doch sie hielten weiter auf den Ratssaal zu… und auf die Präzentorenkammern. War dies das Ziel, die persönlichen Räume des Präzentors? Ihr Blick heftete sich an Liel’s Fersen, während sie gesenkten Hauptes hinter ihm her schwebte, ganz so wie er es ihr gezeigt hatte. Im Lernen war sie sehr gut, sehr ernsthaft und begriff schnell, das hatte Liel besonders gefallen. Das, und die Tatsache, dass sie nicht in Frage stellte wofür Gang, Haltung und Verhalten ausgerechnet an diesem Ort von Belangen sein sollten. Sie hatte es einfach getan.
Tatsächlich hielt die Gruppe schliesslich vor den Präzentorenkammern inne, und während zwei der Yesphariter zurückblieben – eine atemberaubend schön anzusehende Frau mit schwarzrotem Haar und Augen die tiefblau wie der Mitternachtshimmel waren, und ein junger Mann, der mit breiten Schultern und aufrechter Haltung so sehr an die heuchlerischen Ayanyehdiener erinnerte, deren lügnerische Absichten Azekiel sowie den anderen Kindern schon im jüngsten Alter mit Bildern nähergebracht worden waren – entfernten sich die restlichen sechs ohne ein weiteres Wort.

Dies war der Moment, den Liel ihr beschrieben hatte, und er hatte es so genau vorausgesehen als könne er in die Zukunft sehen. Sie hob den Blick ein Stück, weit genug um seine Hände im Auge zu haben ohne den Kopf endgültig aufzurichten, und wartete auf die Geste.
Unendlich lange Momente passierte nichts, ausser dem Erklingen von Liel’s sonorer, einschmeichelnder Stimme. Azekiel ignorierte das Gespräch, konzentrierte sich voll auf Liel’s Hände. Auch dies war ein Teil seiner Anweisungen gewesen, und es hatte eine Weile gedauert bis sie ihn davon überzeugen hatte können, dass sie durchaus in der Lage war, gesprochenes Wort einfach auszublenden um sich auf eine andere Aufgabe zu konzentrieren, aber sie hatte es geschafft. Und auch diesmal waren die Worte die er sprach, nichts als ein gurgelnder Bach im Hintergrund, ein nebensächliches Geräusch das sie nicht von ihrer Aufgabe, einfach seine Hände anzustarren und auf seine Geste zu warten, abhalten konnte.

„Wenn wir dann anhalten, musst du auf meine Hände starren, dich völlig auf sie konzentrieren, egal was passiert. Du darfst auf keinen Fall dem zuhören, was ich sprechen werde! Warte einfach auf meinen Wink, und folge ihm zu der Türe, auf die ich zeige. Verhalte dich sehr ruhig, und selbstverständlich, mach keine hastigen Bewegungen, und sprich KEIN WORT! Hast du verstanden?“

Sie hatte nur genickt.

Da war es, ein kleiner, nebensächlicher Wink.
Kalter Schweiss brach auf Azekiel’s Rücken aus, doch sie schaffte es, sich ganz ruhig, natürlich abzuwenden, sich in die Richtung drehend, die Liel ihr mit der Hand angedeutet hatte. Langsam und leise setzte sie sich in Bewegung, weiterhin den Kopf gesenkt haltend, weiterhin mehr schwebend denn gehend, und bewegte sich auf die angewiesene Türe zu. Nichts passierte, ausser Liel’s leisem Redeschwall. Sie blickte nicht zurück, wagte es nicht, zuviel Angst war in ihrem Magen geschürt davor, was passieren konnte wenn sie versagte.
Die schwarze, völlig eiserne Türe starrte ihr drohend entgegen. Azekiel wusste nicht wohin sie führte, sie wusste nur dass dies eine der Kammern des Präzentors war, ein Heiligtum in das niemand ausser ihm und geladenen hohen Gästen durfte.. und nun war sie dabei, einfach hineinzuspazieren. Sie!
Die Tür schwang lautlos auf, wie alle Türen der Necropole, gebaut für die Ewigkeit in völliger Stille, sodass kein Quietschen die Necrolythen und Ordensdiener bei ihren Tätigkeiten zu stören vermochte.
Hinter der Türe herrschte die altbekannte, einladend heimische Düsterkeit, die vor dem Einfall der Yesphariter überall geherrscht hatte, und dies machte es Azekiel leichter, den Fuß über die Schwelle zu setzen, und schliesslich die Türe hinter sich zuzuschieben, ganz wie Liel es angeordnet hatte.
Erst als das Schloss leise klickte, lehnte sie sich an die Türe und begann am ganzen Leib zu zittern. Das hier war Wahnsinn, nichts als Irrsinn! Und dennoch.. sie waren so weit gekommen, weiter als Azekiel es jemals angenommen hätte. Verdammt, Liel hatte sie ins Herz der Necropole gebracht, ohne dass auch nur ein Mensch verletzt worden war oder Verdacht geschöpft hatte!

Tief durchatmend ballte Azekiel die Fäuste. Jetzt nur nicht in Panik verfallen, nicht so nahe vor dem Ziel. Liel hatte selbst nicht genau gewusst was sich hinter der Türe verbergen würde, doch er hatte ihr das, was er tatsächlich wusste, genau eingebläut.
Vor ihr streckte sich ein Ovaler Raum aus, dominiert von einer Vertiefung in der Mitte, zu der Treppen hinabführten. die Wände entlang blakten Fackeln, deren Licht von der Glorie Neq’roth’s erfasst im tödlichen Violett schimmerte. Zwischen den Fackeln standen Podeste, aus reinem Onyx gemeißelt, und glänzten respekteinflößend im Zwielicht. Und auf den Podesten lagen, wie Liel es prophezeit hatte, dutzende Preziosen der Necropole. Relikte, Heiligtümer, Trophäen des Präzentors, sorgsam aufgereiht und völlig unberührt. Unberührt durch die Yesphariter… Das war seltsam. Diese Ketzer hatten alles zerstört was sie gefunden hatten, aber dieser Raum wirkte, als hätte niemand zuvor ihn betreten. Alles war intakt, selbst das mosaikgefertigte Tridecagramm das weiß im schwarzen Boden glomm.
Einen Moment runzelte Azekiel die Stirn, dann jedoch gab sie sich einen Ruck. Liel hatte sie zu absoluter Eile angehalten, sobald sie sich im Raum befand, und sie gedachte nicht, jetzt wo alles so gut verlaufen war von seinen Anweisungen abzukommen.
Mit fünf großen Sätzen befand sie sich in der Mitte des Raumes, und sah sich hastig um.

„Es ist ein Dolch, ein besonderer Dolch. Schwarz ist er, und er glänzt nicht, als sei er nicht aus Eisen, sondern gar Holz gefertigt. Es ist das Relikt der größten Macht in jenem Raum, also nimm ihn, egal wie wichtig dir der Rest erscheint. Nimm diesen Dolch, und sonst nichts, hörst du?“

Wieder hatte sie nur genickt.

Ihr Blick schlich über die Podeste, über Amulette, Gebeinbecher, Schatullen, Schilde, einen Schrumpfkopf… und da lag er. Der Dolch. Hastig sprang sie die Treppe hinauf, griff nach dem Dolch, froh, ihn so rasch gefunden zu haben –
Wie brennende Lava kroch etwas ihren Arm hinauf, versengte ihr die Haare darauf, schien jeden einzelnen Nerv zu quälen und zu foltern bis er schliesslich abstarb, und sprang ihr ins Gesicht. Mit einem brüllenden Schrei fliel Azekiel rückwärts hinab in die Absenkung, den Dolch fest umpackt, und schlug auf ihre rechte Gesichtshälfte ein, doch der Schmerz wollte nicht geringer werden. Das Etwas, was auch immer es war, fraß sich regelrecht in ihre Haut, und entsandte Höllenqualen durch ihren ganzen Körper. Etwas feuchtes quoll zwischen den Fingern ihrer Hand hervor, und es musste Blut sein.
Dennoch klammerte sie sich weiter an den Dolch, sei es aus schlichter Panik, oder weil der Schmerz jeden einzelnen ihrer Muskeln zum Verkrampfen brachte. Die schwarze Klinge schnitt in ihre Handfläche –
Der Schmerz erlosch augenblicklich, als ihr Blut die Klinge berührte, und eine dumpfe, grauenvolle Stimme hallte durch ihr Bewusstsein.

„WÜRDIG.“

Sie wusste nicht mehr wie sie auf die Beine gekommen war, sie erinnerte sich jedoch sehr gut daran, wie sie wie in Trance Liels nächsten Anweisungen gefolgt war. Der Dolch den sie in den Bund ihres Unterkleids gesteckt hatte, fand seinen Platz auf dem Podest, und dieses teuflische, schwarze Relikt verschwand unter der Robe. Ihre rechte Gesichtshälfte brannte, pochte, und gerne hätte sie sich weiter in den Qualen dieser seltsamen Wunde gewälzt, doch dafür war keine Zeit. Was war schon Schmerz gegen die Möglichkeit, von Yespharitern getötet zu werden?
Sie erinnerte sich noch, wie sie die Kammer wieder verlassen hatte, die Tür zu gedrückt und sich wieder zu Liel geschlichen hatte. Eigentlich hatte sie beim Eintreten in die Kammer noch vorgehabt, beim Hinausgehen die Wachen genau anzusehen um herauszufinden was Liel mit ihnen gemacht hatte, doch nun war sie zu betäubt, zu sehr voller Todesangst, um daran noch einen Gedanken zu verschwenden.
Der Weg hinaus lief ebenso still und zügig ab wie der Weg hinein, doch Azekiel kam es wie ein Traum vor. Sah denn niemand das Blut in ihrem Gesicht? Roch es nicht verbrannt, oder verätzt, oder sonst irgendwie seltsam? Sie hielt weiterhin den Kopf gesenkt, sodass das schwarze Haar ihr Gesicht gut tarnte, doch sie wollte nicht verstehen wieso niemand die Veränderung zu bemerken schien. Hielten sie es vielleicht für eine Strafe die Liel ihr zugefügt hatte? Hatte er etwa alle Yesphariter verhext denen sie begegneten?

All diese Fragen brannten ihr auf der Zunge, während sie und Liel durch die Stadt eskortiert wurden, und als sie schliesslich ein gutes Stück weit weg von der Necropole waren, wandten sich die Yesphariter einfach ab und gingen wieder.
Gerade als Azekiel etwas zu sagen ansetzen wollte, schüttelte Liel den Kopf und deutete gen‘ des Westtores.

„Geh jetzt. Geh und schweige. Keiner wird dich etwas fragen, dafür habe ich gesorgt. Aber sag kein Wort, und lauf so weit fort wie du zu gelangen vermagst. Ich werde dich finden, sobald ich hier alles beendet habe.“

Ein sachter Kuss wurde auf ihre Stirn gehaucht, dann sah sie nur noch den Rücken des Priesters, und hörte seine letzten Worte.

„Geh. Jetzt.“

Und Azekiel ging. Fort von Endur. Endlich fort.

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