Kult der Verdammten (Ausschnitt)

Es war ein feuchtes Gemäuer, dunkel und aus großen grauen Granitblöcken gefertigt, die Mauern grob behauen und schartig. Die Wände waren stellenweise mit schleimigem grünem Moos, Pilzen und Flechten bewachsen, zumindest dort wo die Sonne einen Weg durch die winzigen Luftscharten fand. Fast fünf Schritt tief mussten hier Licht, Luft und Wasser reisen, bevor sie das Mauerwerk hinter sich lassen und in die stickige Luft des Kerkers eindringen konnten. Fünf Stockwerke tief reichte der Kerker in die Erde hinab, munkelte die Besatzung der Löwensteiner Garnison. Aber das Gebäude selbst war so alt, dass die Pläne der Gänge, Korridore, Räume und Treppen von den Gezeiten gebräunt und zu bedenklichen Teilen bereits unleserlich geworden waren. Dazu kamen die alle Jahrzehnte auftretenden Versuche, verfallene Teile der Gebäudestruktur mühsam zu sanieren und somit vor dem Einsturz zu bewahren, und oft passierte es, dass gerade im Zuge dieser Rettungsmaßnahmen Gänge, Treppen und ganze Räume verlegt oder vermauert wurden, um unvorsichtige Garnisonsangestellte davor zu bewahren, in unbekannte Tiefen zu stürzen.

Im trüben Dämmerlicht des zweiten Untergeschosses erzeugten die wenigen Fackeln, die blakend in Wandhaken steckten, eher kümmerliche Wärme und ein mattes Zwielicht das es unmöglich machte, Tag von Nacht zu unterscheiden. In dem fast zwanzig Fuß unter dem Tageslicht liegenden Todestrakt warteten bis zu dreissig Gefangene auf ihr Ende, oder die Freiheit, umgeben von Tod, Moder und dem stetigen Tropfen von Wasser auf schleimige Böden. Die Luft dort unten war zum Schneiden, erfüllt vom Gestank nach Ratten, Tod und Fäulnis, und so feucht dass das Stroh keine drei Tage benötigte, um Schimmel anzusetzen und zu grau-bräunlichem Matsch zu zerfallen. Die Aussicht auf einen Freispruch wurde umso seltener, umso länger die Verurteilten im verliesartigen Straftrakt von Löwensteins Garnison festgehalten wurden und inmitten von Schmutz, Unrat und Seuchen ihr Dasein fristen mussten.

Zelle Nummer dreiundvierzig maß vier Schritt Breite, sechs Schritt Tiefe, und beherbergte seit sechs Wochen den nächsten Todeskandidaten. Nicht dass das etwas Besonderes gewesen wäre, denn alle Zellen die mit der Zahl Vier begannen taten dies, und waren vermutlich gerade deshalb besser gepflegt und eine Spur größer als die anderen Zellen. Das Volk wollte Unterhaltung, dementsprechend war es nicht von Vorteil, starben die Verurteilten noch bevor man das Geräusch des brechenden Nackens mit Jubel beantworten konnte. Sechs Wochen bereits lauerte die Garnison mit wachsender Spannung darauf, wann dieser spezielle Gefangene endlich dem Druck der Rechtsprechung nachgeben und geständig sein würde, doch niemand zweifelte daran, dass dieser Tag bald kommen und Nummer 43/5 seinem rechtmässigen Ende am Rad gegenübertreten würde. Besonders war in diesem Fall lediglich die Länge, die Insasse Nummer 43/5 bereits im Kerker verbracht hatte, und die aussergewöhnlich harte Behandlung die Kommandant Akhar angeordnet und stellenweise selbst durchgeführt hatte. So mancher Kerkerwächter munkelte von den Schreien und den anderen, dumpferen Lauten, die in so mancher Nacht aus der Befragungskammer gedrungen waren, und auch wenn sie desweilen mit der Gnadenlosigkeit ihres kommandierenden Offiziers zu prahlen pflegten, so konnte sich doch keiner unter ihnen daran erinnern, den Kommandant jemals so hasserfüllt gesehen zu haben, oder eine Folter dieser Ausmaße miterlebt zu haben. Dennoch, über den Insassen selbst, der sich mit jeder Woche stiller und unauffälliger verhalten und am Ende sogar gänzlich in der finstersten Ecke seiner düsteren Zelle verschwunden war, wo andere sich bei jeder Gelegenheit nach den Luftscharten streckten, wusste niemand Genaueres. Eine weitere Nummer unter vielen.

Jetzt kommen sie dich holen!“ rief der fettige, übelriechende Kerkerwächter in die Finsternis des Zellenganges, während er bestückt mit einer Laterne und vor Anstrengung grunzend den Weg durch das Gewirr aus engen finsteren Gängen bahnte. Nicht dass es notwendig gewesen wäre, Frater Drewis fand sich eigentlich ohne die geringsten Umstände im gesamten genutzten Kerkertrakt zurecht, denn wer ausser den Wächtern sah den Todestrakt so oft von Innen, wie die ihm zugeteilten Justizpriester?

Drewis folgte dem fetten Kerkermeister die letzte unförmige Treppe hinab in den Todestrakt, gepeinigt von verwirrten Gedanken über die Worte Akhars. Ein Mithraspriester, der sich die Augen aus dem Gesicht kratzte, weil er einen falschen Zauber gewirkt hatte? Möglich, aber sehr unwahrscheinlich. Andererseits kannte Drewis nicht alle seiner Kollegen im Amte des Justizpriesters, und der Mann mochte durchaus von vorneherein einen schwachen Willen gehabt haben und sich dabei in der mächtigen Aura dieses alten Kerkers verfangen haben. Immerhin wurden hier seit mehreren Jahrhunderten Todeskandidaten eingesperrt und verhört, und mit der Zeit färbte ein so finsterer Zweck auch auf das Gebäude und die Umgebung ab. Mithraspriester waren für ihre Affinität zum Lesen von Auren und Emotionen bekannt, und ein schwacher Wille mochte durchaus einen Knick bekommen, wenn er sich in gerade diesen Kerker verirrte, und die neutrale Bösartigkeit dieses Ortes nicht gewohnt war.

Zelle 43 lag in der Ecke der letzten Biegung des Ganges, bevor er wieder in absteigende Treppen verlief, eine der hintersten Zellen. Weiter unten fanden sich nur noch die Katakomben in welchen die Innereien von vernichteten Magiern aufbewahrt wurden, ein abgeschiedener und fast völlig gemiedener Ort. Hier neigte sich die Decke gefährlich hinab, die Wände näherten sich einander immer mehr, und die Luft erschien dicker, schwerer zu atmen, fast schon tot. Kaum ein Laut gesellte sich in diese Tiefen, und selbst das Stöhnen und Husten der weiter oben verwahrten Gefangenen konnte nicht hier hinab dringen. Wie alt dieser tief liegende Trakt tatsächlich war konnte niemand sagen, und dutzende verwaiste Gänge führten in die Äonen alte Finsternis, ohne die Hoffnung darauf, jemals wieder begangen zu werden. Die Fackel gegenüber der Türe war allerdings frisch und brannte hell genug, um den dreckigen, abfallbedeckten Boden zu beleuchten, auf dem sich Fäkalienspuren mit toten Schaben und den Fressspuren von Leichenkäfern abwechselten, ungewöhnlich verwahrlost selbst für diese Tiefen des Kerkers. Stirnrunzelnd warf Drewis dem Kerkermeister einen schiefen Blick zu, den dieser mit völlig desinteressierter Miene beantwortete. „Die Leute fürchten sich. Woll’n hier nich‘ runterkommen. Sagen, der da würde ihnen Dinge zuflüstern, die ihnen Alpträume bescher’n.“ erklärte der verschwitzte Fettleibige eher gelangweilt als entschuldigend, und tastete an seinem speckigen Beinkleid nach dem Schlüsselbund. Mit gewissem Ekel musste Drewis feststellen, dass der Bauchumfang des Mannes derart Überhand genommen hatte, dass er wohl nicht einmal mehr sah, wo er auf dem Abort hinpinkelte, und wandte den Blick der Türe zu. Der Kerkermeister schob den Schlüssel in das rostige Schloss, und murmelte „Ich würd‘ euch ja wen mitschicken, Frater, wirklich, aber die Wachen woll’n nich‘ hier runter. Ich kann sie natürlich zwingen, Frater, aber das wird’s nich‘ leichter machen für euch.“

Drewis konnte nur den Kopf schütteln. Wachen, die Angst vor einem Gefangenen hatten? Seiner Erfahrung nach waren selbst die Zelleninsassen die Einzelzellen hatten stets an die Ringe in den Wänden gekettet, und diese Ringe hätte nicht einmal ein Ochse aus dem Steinverputz herausreissen können. Warum also diese seltsame Geschichte? „Keine Sorge Tesso. Ich bin hier um seine letzte Beichte anzuhören, ich bezweifle dass er mir etwas antun wird. Wer würde schon einen harmlosen Mithraspriester angreifen?“

Seine Worte wurden mit rauhem Gelächter und dem unvermeidlich darauf folgenden Husten beantwortet, dann spie Tesso der Kerkermeister einen grünlichen Klumpen Auswurf beiseite, der sich zum restlichen Unrat auf dem Boden gesellte. „Jaaa, sowas in der Art sagte der Letzte auch…“ murmelte er, wandte sich allerdings der Zellentüre zu bevor Drewis weiter nachhaken konnte, und schloss diese knirschend auf.

Das Erste, was Drewis wirklich wahrnahm, war der bestialische Gestank der dieser Zelle entwich und sich wie eine Wolke um seinen Kopf legte. Erbrochenes, Fäkalien, Fäulnis und Krankheit schlugen ihm wie eine würgende Schlinge entgegen und ließen den Kleriker hustend zurücktaumeln. Selbst der Kerkermeister wandte trotz aller Hartgesottenheit, die er unvermeidlich in diesem Umfeld erlernt hatte, den Kopf etwas ab und schnaufte angewidert aus, schien sonst aber nicht sonderlich überrascht ob des erbärmlichen Zustandes der Zelle.

Was bei allen Lichten ist das? Lebt dort wirklich ein Mensch drin?“ ächzte Drewis, eine Hand vor Mund und Nase pressend, und schob sich vorsichtig ein kleines Stück in die Pechschwärze des kleinen Raumes. „Gebt mir die Fackel, Mann, und steht da nicht so herum! Ich will hier in drei Steinwürfen mehrere Eimer Wasser und einen Ballen frisches Stroh sehen, bevor ich euch dem Justizpalast melde!“ fauchte der Kleriker über die Schulter, als er den Maulaffenfeil haltenden Kerkermeister hinter sich stehen sah. „Und lasst mir die Laterne hier! Bei Mithras…“ endete sein unvermittelter Zornausbruch, als die ersten Lichtstrahlen in die Zelle drangen. Der Anblick im Inneren fesselte ihn derart, dass er nicht einmal mehr die rasch leiser werdenden Schritte des hastig flüchtenden Kerkermeisters hinter sich vernahm.

Die kleine, grob gehauene Zelle war fast knöchelhoch mit bräunlichem, faulendem Unrat bedeckt. An manchen Stellen hatte sich das gammelnde Stroh zu kleinen Bergen aufgehäuft, in denen es von eifrigen Maden nur so wimmelte, während an anderen Stellen die dunklen, halb verflüssigten Haufen weißlichen oder bläulichen Schimmelpilz angesetzt hatten. Jeder Schritt, jede Bewegung ließ den durchfeuchteten Untergrund leise schmatzen oder trieb sprudelnde Blasen neben den Sohlen der Stiefel herauf, und selbst der kleine Tisch mit dem Holzhocker, der normalerweise auch vom Gefangenen benutzt werden durfte, war mit pilzigen Wucherungen bedeckt. Die Luft schmeckte nach gammelnden Pilzgerichten und verdorbenem Wasser, unerträglicher noch als im Gang zuvor. Die ganze Zelle wirkte, als habe man sie Monate lang weder gereinigt, noch geöffnet, wie ein in sich geschlossenes System aus wuchernden Pilzgewächsen, Fäulnis und Verwesung. Ein Zustand, der unmöglich in der kurzen Zeit erreicht werden hatte können, die dieser Gefangene dort verbracht hatte.

Drewis fühlte etwas in sich, das er schon lange nicht mehr gefühlt hatte, trotz der Jahre die er als Mann mittleren Alters inzwischen bereits in diesem Kerker abgeleistet hatte: Zorn. Ohnmächtigen, brennenden Zorn über das Unrecht vor seinen Augen. Mühsam kämpfte er einen Schrei zurück, und auch die Tränen die in seiner Kehle brannten vermochte er zurückzuhalten. Ein Ausbruch dieser Form hätte nun weder ihm, noch der armen Seele die hier irgendwo sein musste geholfen, und einige Sekunden lang war Drewis sich erschreckend sicher, dass er nicht mehr aufhören würde zu schreien, wenn er einmal begann.Stattdessen hob er langsam die Laterne an, sich darauf besinnend dass irgendwo in diesem Abort noch ein Mensch sein musste, angeblich auch lebend. Das Licht der Laterne strich über mehr Unrat, mehr Fäulnis, und traf schliesslich auf den kindskopfgrossen Ring in der Wand, an welchem eine rostige Kette befestigt war. Das panische Pochen in der Brust kämpfte Drewis mit einem Ächzen nieder, und folgte dem Verlauf der Kette langsam, unwillig bis zu deren Ende.

Gerade als das Licht die Konturen einer scheinbar menschlichen Gestalt traf, am Boden hockend und halb versteckt von faulendem Stroh, stiess dieses Wesen einen rauhen, klickernden Schrei aus, der Drewis durch Mark und Bein fuhr. Nichts Menschliches war mehr an diesem Laut, und unvermittelt spürte Drewis eine kalte Brise in seinem Geist aufsteigen… Böse. Etwas unendlich Böses lauerte in diesem Laut, dieser Zelle, vielleicht der Brust dieses Gefangenen, oder auch nur an diesem Ort. Keuchend torkelte Drewis nach hinten, die Finger zeichneten ganz automatisch das Schutzzeichen Mithras‘ in die Luft, als ein röchelndes Knurren erklang, und danach ein dumpfes, verlorenes Kettenrasseln. Der Eindruck von allumfassender Bösartigkeit des Raumes verstärkte sich schlagartig, und dann schien dieses personifizierte Übel Drewis anzustarren – und zu erkennen. Eine unsichtbare Hand reckte sich durch die verkommene, verdorbene Finsternis nach ihm, langsam aber stetig, reckte klauenartige Finger nach seiner Kehle, und seinem Herzen, begierig, ohne den Hauch von Nachsicht oder Gewissen…

Keine zehn Pferde hätten ihn länger in dieser Zelle halten können, und noch während er ungelenk schlitternd über die Schicht aus Dreck gen‘ Ausgang flüchtete, folgte ihm heiseres, hundsartig bellendes Kichern aus der pechschwarzen Finsternis.

Die zwei etwas einfältigen Knechte hätten beinahe die Eimer voll Wasser ausgegossen, als Drewis an ihnen vorbei flüchtete, machten sich jedoch hastig wieder auf den Weg als er über die Schulter zurück bellte „Macht die Zelle sauber! Wenn ich morgen zurückkomme, will ich keinen Krümel Abfall ausser dem Gefangenen mehr darin finden!“.

Wahrlich, niemand konnte Frater Drewis vorwerfen, er sei trotz des Terrors in seiner sonst so sanften Miene nicht pflichtbewusst.

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